Samstag, 25. April 2009, 20:00 Uhr

‹Gilgamesh›

Wiederaufnahme: Peter Schweiger und das Aion Quintett auf Zeitreisen

Peter Schweiger, ehemaliger Leiter des Theaters St. Gallen und Träger des Reinhard-Rings, liest aus dem ältesten Epos der Menschheit.
Das Aion Quintett komponiert dazu einen Klangraum, der Raum und Zeit aufhebt.
Klanglich tragend ist der ausserordentliche Nuancenreichtum des arabischen Oud, der arabischen Kurzhalslaute,
das lyrische Saxofonspiel und die differenzierten orientalischen Perkussionsklänge so wie die Klangkraft der Stimme Peter Schweigers.
Dieser Anlass führt die Matinée vom Frühling 2007 weiter, ein Höhepunkt der bereits langjährigen Kulturveranstaltungen Wartegg.

Das Gilgamesh-Epos handelt von der archetypischen Geschichte des Königs Gilgamesh, der seine Kräfte mit der ganzen Welt messen will,
nach Unsterblickeit strebt und schliesslich auf die Erkenntnis zurückgeworfen wird, dass auch für ihn das Leben endlich ist.
Sie handelt von ganz grundlegenden und wohl durch alle Zeiten unveränderlichen Wünschen, Hoffnungen, Gefühlen, Schwächen und Ängsten des Menschen.
Kein Wunder, dass auch die grössten Dichter den Stoff und seine Ausformung als Weltliteratur auffassen.

Das zeitlose Epos um den legendären König Gilgamesh wurde in seiner ausführlichsten Form um 1200 v.u.Z. in Keilschrift niedergeschrieben. Raoul Schrott hat 2001 nicht nur eine neue Übertragung ins Deutsche vorgenommen, sondern diese auch, mit Ergänzungen aus früheren sumerischen Kurzepen und verwandten Texten, zu einer eigenen Fassung verarbeitet.
Dargestellt wird das Leben des Königs, seine Freundschaft zu dem ursprünglich wilden Enkidu, die Eroberung der Zedern aus dem Libanon, der gemeinsame Kampf mit dem Himmelsstier – der schliesslich zum vielbeklagten Tod des Freundes führt, die Reise Gilgamesh in die Unterwelt und der erfolglose Versuch, die Unsterblichkeit zu erringen.

Peter Schweiger wurde 1939 in Wien geboren und lebt seit 1965 in der Schweiz. Als Regisseur bevorzugt er zeitgenössische Stücke, fördert die Schweizer Dramatik und ist auch als Opernregisseur tätig. Als Interpret beschäftigt er sich vor allem mit Werken, die zwischen Musik und Szene angesiedelt sind: Melodramen und zeitgenössisches Musiktheater. Für das Schweizer Fernsehen hat er Sendungen über und zu Musik realisiert. Er war Mitglied der Aargauischen Kleintheater, Direktor des Theaters am Neumarkt Zürich, Schauspieldirektor am Theater St. Gallen und wurde 2001 für sein Gesamtschaffen mit dem Hans-Reinhart-Ring ausgezeichnet.

Komponist Christian Berger, Aion Quintett zu

Gilgamesh als musikalisches Abenteuer:
So wie das wohl älteste Stück Literatur in einer archaischen Sprache die Geschichte des Gilgamesh erzählt und durch die Bearbeitung von Raoul Schrott literarisch in die Neuzeit weist, so geht die Musik einen ähnlichen Weg. Zentrales Instrument in der Gilgameshmusik ist der Oud, die arabische bundlose Kurzhalslaute. Auch sie spricht eine archaische Sprache und sie ist das zentrale Instrument der arabischen Musiktradition schlechthin (die arabische Musik hatte ihr erstes wichtiges Zentrum in Bagdad, im Irak also, in dem auch die Legende des Gilgamesh spielt). Hinzu kommen die Gitarre, der Kontrabass, das Saxophon und diverse Perkussionsinstrumente. Der Oud steht musikalisch für die Seelentiefe der Geschichte, sinnbildlich für die innere Reise des Gilgamesh. Im Verlauf des Stücks übernimmt dann immer mehr die Gitarre diese Rolle. Sie transformiert, ähnlich wie die Bearbeitung von Raoul Schrott, die Musik in die Jetzt-Zeit. Zugleich geht dies einher mit der inneren Wandlung des Gilgamesh. So kommen er und die Musik gleichsam am Schluss der Geschichte an einem anderen Ort im Leben an.
Die Musik soll Raum geben die Worte wirken zu lassen und gleichzeitig eröffnet sie einen eigenen Raum der Gefühle – zeitlos wie das Epos selbst.
Das AION QUINTETT kümmert sich wenig um stilistische Attribute wie Worldmusic, Jazz, Improvisierte Musik, Orient oder Okzident – sie alle passen zu AION. Das Quintett ist viel mehr um „gute Musik“ besorgt. Und diese kann man am ehesten als Musik auf Reisen bezeichnen. Gitarrist und Komponist Christian Berger bringt als klassisch und jazzig gebildeter Musiker, aber auch als Oud-Spieler eine breite Palette an Ideen und Klangfarben gekonnt ein. Darüber schwebt die ausdrucksstarke Stimme des Sopransaxophons und der Kontrabass schlägt den Bogen von der Solostimme bis zur groovigen, harmonischen Begleitung. Die Rhythmusgruppe, bestehend aus Drums und Perkussionsinstrumenten aus aller Welt, kreiert einen vibrierenden Mix aus differenzierten Sounds und treibenden Grooves. Die Klangcharaktere der Instrumente mischen sich zum faszinierenden Melting-Pot.
Christian Berger; Gitarre, Oud, Flügelhorn, Komposition (1963)
Berti Lampert, Tenor- und Sopransaxophon (1958)
Marc Jenny, Kontrabass (1976)
Markus Brechbühl, Udu, Rahmentrommel, Djembe (1963)
Dominic Doppler, Schlagzeug (1966)

Rainer Maria Rilke (1916):
Gilgamesh ist ungeheuer: ich rechne es zum Grössesten, das einem widerfahren kann. Von Zeit zu Zeit erzähls ichs dem und jenem, den ganzen Verlauf, und habe jedesmal die erstaunendsten Zuhörer. Ich habe an diesen wahrhaftig gigantischen Bruchstücken Mass und Gestaltung erlebt, die zu dem Bedeutendsten gehören, was das zaubernde Wort zu irgend einer Zeit gegeben hat. In den Fragmenten ist ein wirklich riesiges Geschehen und Dastehen und Fürchten, und selbst die weiten Text-Lücken wirken irgendwie konstruktiv, indem sie die herrlich-massiven Bruchflächen auseinanderhalten. Hier ist das Epos der Todesfurcht, entstanden im Unvordenklichen unter Menschen, bei denen zuerst die Trennung von Tod und Leben definitiv und verhängnisvoll geworden war. Ich lebe seit Wochen fast ganz in diesem Eindruck.

Elias Canetti über das Gilgamesh-Epos (1977):
Es geht nicht darum, wie ein Papagei zu wiederholen, dass alle Menschen bis heute gestorben sind, es geht nur darum, zu entscheiden, ob man den Tod hinnimmt oder sich gegen ihn empört.